Gastkommentar von Abbruchunternehmer Mathias Heermann

Der Abbruch ist der Anfang der Bauwende

Heermann Abbruch
Die Abbruchbranche erwartet den größten Entwicklungssprung im Bereich Digitalisierung. Im Innenbereich von Gebäuden könnten elektrische Baumaschinen und Abbruchroboter eine größere Rolle spielen. (Bild: Heermann Abbruch)

Wir reden viel über nachhaltige Materialien, über Energieeffizienz, über neue Bauweisen – aber bevor Neues entstehen kann, muss das Bestehende verantwortungsvoll zurückgeführt werden. Genau dort beginnt die Kreislaufwirtschaft: auf den Abbruchbaustellen, beim Rückbau.

In den Köpfen vieler passen Abbruch/Rückbau und eine funktionierende Kreislaufwirtschaft nicht recht zusammen. So werden vorschnell Abbruchverbote gefordert und die Abbruch- und Rückbaubranche als Hauptverursacher der jährlich anfallenden Abfallmengen betrachtet. Beschäftigt man sich jedoch genauer mit der Kreislaufwirtschaft, so erkennt man schnell, dass gerade der Abbruch/Rückbau die praktische Umsetzung der Kreislaufwirtschaft positiv beeinflusst wie kaum eine andere Branche. Die Abbruchunternehmer trennen Materialien, schleusen Schadstoffe aus oder beseitigen sie, gewinnen Rohstoffe zurück. Wir schaffen die Grundlage, dass Baustoffe erneut eingesetzt werden können – sauber, geprüft und qualitätsgesichert. Ohne den Abbruch gibt es keine sortenreinen Stoffströme, keine Sekundärrohstoffe, keine Wiederverwendung, keine echte Bauwende.

Mathias Heermann, Geschäftsführer der Firma Heermann Abbruch und Vorstandsmitglied im Deutschen Abbruchverband. (Bild: Heermann Abbruch)

Wir wollen, dass diese Perspektive Teil des gemeinsamen Denkens wird – nicht als Nischenaufgabe am Ende, sondern als integraler Bestandteil von Planung und Bau. Denn ohne uns kann aus der Linie kein Kreis werden. Wir möchten daher Partner der Planung sein – nicht erst, wenn der Bagger anrückt, sondern schon, wenn über neue Nutzungen, Materialien und Lebenszyklen nachgedacht wird. Der sog. selektive Rückbau, der jetzt eigentlich schon übergeht in einen zirkulären Rückbau, ist seit Jahrzehnten Stand der Technik beim Abbruch. Ziel des selektiven Rückbaus ist die technisch mögliche und wirtschaftlich zumutbare Sortierung der Bau- und Abbruchabfälle, um ihre Lebensdauer durch Wiederverwendung ganzer Bauteile zu erhöhen oder Chargen zu erfassen, die einer Verwertung/einem Recycling zugeführt werden können. Der Abbruch/Rückbau muss mit der verbauten Bausubstanz umgehen. Der moderne Rückbau produziert somit keinen neuen Abfall, er sorgt im Gegensatz sogar dafür, dass aus verbauten Materialien, nach dem Ende der Nutzungsdauer von Gebäuden und technischen Anlagen, wieder wertvolle, nutzbare Ressourcen aus dem Abfall entstehen können.

Zeit für elektrische Baumaschinen und Abbruchroboter

Hier gibt es aber Grenzen. Schadstoffbelastete Baustoffe oder Verbundbaustoffe, die sich nicht trennen lassen, sind aus dem Wirtschaftskreislauf auszuschleusen und stehen somit weder für eine Wiederverwendung noch für eine Verwertung zur Verfügung. Darüber hinaus stellen die fehlenden rechtssicheren Regelungen zum Abfallende für Bau- und Abbruchabfälle, insbesondere für die mineralischen Ersatzbaustoffe nach Ersatzbaustoffverordnung (EBV), ein großes Hemmnis hin zu einer zirkulären Kreislaufwirtschaft dar. Der technologische Fortschritt beim Rückbau und Abbruch hat sich in den letzten 20 Jahren rasant entwickelt. Die Rückbaubranche ist heute hoch technologisiert, sodass dem Rückbauunternehmer sowohl für die Entkernung, die Sanierung, vor allem aber für den Abbruch/Rückbau der statisch relevanten Bausubstanz diverse Verfahren, Techniken und Maschinen zur Verfügung stehen.

Die Abbruchbranche erwartet den größten Entwicklungssprung im Bereich Digitalisierung. Es ist davon auszugehen, dass vor allem im Innenbereich von Gebäuden verstärkt elektrische Baumaschinen und Abbruchroboter eingesetzt werden, welche den händischen Abbruch/Rückbau effizienter und wirtschaftlicher umsetzen können und zudem die Arbeitssicherheit erhöhen. Deutliche Fortschritte gibt es auch im Bereich der 3D-Erfassung und Drohnennutzung mit dem Ziel, gebäudebezogene Daten zu erfassen, um einen digitalen Zwilling erstellen zu können. Zielführend wäre es dann, dass zukünftig alle Beteiligten Zugriff auf diesen digitalen Zwilling hätten und sowohl Daten abrufen als auch einspeisen könnten. Der Abbruch ist nicht das Ende des Gebäudes – er ist der Anfang der Zukunft.