Doka-Geschäftsführer Joachim Immerz im Interview

„Auf Baustellen wird Außergewöhnliches geleistet“

Steigende Kosten, Fachkräftemangel und neue Anforderungen verändern die Bauwirtschaft grundlegend. Für Joachim Immerz, Geschäftsführer Vertrieb bei Doka Deutschland, ist das kein Grund für Pessimismus. Im Gespräch mit bd-Chefredakteurin Kerstin Thiele erklärt er, worauf es bei Infrastrukturprojekten heute ankommt, warum Robotik neue Chancen eröffnet – und weshalb Doka längst mehr ist als ein Schalungshersteller.

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Die Verbindungsbrücke VIA Mobile West zwischen Frankfurts Messe und dem Europaviertel wurde termingerecht von der Adolf Lupp GmbH & Co. KG mit Schalungslösungen von Doka ausgeführt. (Bild: Doka)

bd: Herr Immerz, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der Bauwirtschaft?

Immerz: Die Rahmenbedingungen bleiben volatil. Der Markt stellt sich darauf inzwischen als neues Normal ein. Das ist etwas, was mir enorm imponiert an unserer Branche: Wie sie allen Widrigkeiten trotzt. Denn die Lage wird ja nicht einfacher. Gleichzeitig sehen wir Chancen, insbesondere in öffentlichen Bauten und im Infrastrukturbau.

Ist das Infrastrukturprogramm tatsächlich der Befreiungsschlag?

Infrastruktur war für Doka immer ein wichtiger Markt. Bei Brücken, Tunneln oder Kraftwerken stehen Engineering, Planungskompetenz und individuelle Lösungen im Mittelpunkt. Dafür werden wir ungebrochen stark angefragt. Allein im Bereich Brücken landen pro Jahr mehr als 250 Projekte auf unserem Tisch. Unser Technischer Leiter Infrastruktur sagt immer: Wir kennen und können wirklich jede Art von Brücke. Ob das nun ein Neubau wie die Talbrücke bei Sechshelden ist oder eine komplexe Erweiterung wie die K20 über die Elbe in Hamburg.

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Auch der Europa-Allee-Tower, ein Meilenstein bei der Modernisie¬rung der Messe Frankfurt und dem Europaviertel, entstand mit Schalungslösungen von Doka. (Bild: Doka)

Wie hat sich die Rolle von Doka im Laufe der Zeit verändert?

Wir verstehen uns längst nicht mehr nur als Schalungs- und Gerüstanbieter, sondern als Lösungsanbieter. Engineering, Digitalisierung, Service, Beratung und Nachhaltigkeit gehören heute selbstverständlich dazu. Unser Ziel ist es, Kunden über den gesamten Projektverlauf zu begleiten.

Welche Kompetenzen sind dabei gefragt?

Unsere Aufgabe besteht darin, Schalung, Traggerüste, Gerüst und Engineering intelligent miteinander zu verbinden. Der Kunde möchte möglichst wenige Schnittstellen und einen Ansprechpartner, der das Projekt gesamtheitlich begleiten kann. Genau darin sehen wir eine unserer größten Stärken. Wir verfügen über die Kompetenz, komplexe Bauwerke ganzheitlich zu betrachten und wirtschaftliche sowie technisch durchdachte Lösungen anzubieten. Für uns bedeutet Innovation deshalb weit mehr als ein neues Produkt. Innovation heißt, Prozesse zu vereinfachen, Risiken zu reduzieren und den Menschen auf der Baustelle die tägliche Arbeit zu erleichtern. Genau daran arbeiten wir jeden Tag.

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Joachim Immerz mit bd-Baumaschinen-Chefredakteurin Kerstin Thiele in der Doka-Deutschland-Zentrale in Maisach bei München. Immerz kam 2025 von Hilti zu Doka und ist seither Geschäftsführer Vertrieb. (Bild: Doka)

 

Welche Bedeutung hat regionale Präsenz?

Eine sehr große. Unsere Standorte sind bewusst nah an den Kunden angesiedelt. Das schafft Vertrauen, optimiert die Logistik und ermöglicht einen intensiven persönlichen Austausch. Gerade im Projektgeschäft entstehen die besten Lösungen im Dialog. Deshalb investieren wir nicht nur in Produkte, sondern auch in qualifizierte Fachkräfte.

Schauen wir auf Ihr Portfolio. Welche Rolle spielt heute die Verbindung von Schalungs- und Gerüsttechnik?

Unsere Kunden wünschen sich umfassende Leistungen aus einer Hand. Mit der Erweiterung unseres Gerüstportfolios und den Investitionen in diesem Bereich schaffen wir zusätzliche Möglichkeiten für optimal aufeinander abgestimmte Schalungs- und Gerüstlösungen. Gerade bei komplexen Bauvorhaben reduziert das Schnittstellen und erleichtert die Planung. Konkret bieten wir mit dem modularen Arbeitsgerüst Ringlock eine universelle, auch mietbare Gerüstlösung für eine Vielzahl von Anwendungen, vom Klein- bis zum komplexen Großprojekt.

Nutzer haben auch die Möglichkeit, unterschiedliche Gerüstsysteme miteinander zu kombinieren. Stichwort: Vermischungszulassung. Warum ist Ihnen das wichtig?

Viele Bauunternehmen verfügen häufig bereits über umfangreiche Materialbestände. Deshalb erwarten sie zu Recht, dass neue Gerüstsysteme möglichst flexibel eingesetzt werden können. Wenn unterschiedliche Komponenten technisch sinnvoll miteinander kombiniert werden können, schafft das einen echten Mehrwert. Unser Ziel ist es nicht, Kunden zu einem vollständigen Systemwechsel zu bewegen. Vielmehr möchten wir Lösungen anbieten, die sich an der Realität auf den Baustellen orientieren und vorhandene Investitionen berücksichtigen.

Eine Herausforderung für die gesamte Wirtschaft ist der Fachkräftemangel. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Der Fachkräftemangel ist ohne Zweifel eine der größten Herausforderungen unserer Branche. Gleichzeitig ist es mir wichtig, den Blick nicht ausschließlich auf den Mangel zu richten. Wir arbeiten jeden Tag mit hochqualifizierten Menschen zusammen, die auf den Baustellen Außergewöhnliches leisten. Dafür habe ich großen Respekt. Viele dieser Fachkräfte haben über Jahrzehnte hinweg Bauwerke geschaffen, die unser Land prägen. Jetzt erleben wir einen Generationenwechsel. Junge Menschen übernehmen Verantwortung und bringen neue Kompetenzen mit – insbesondere im Umgang mit digitalen Technologien. Beide Seiten können voneinander profitieren: Die Erfahrung der langjährigen Fachkräfte und die neuen Perspektiven der jüngeren Generation ergänzen sich hervorragend.

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Nur ein Beispiel, wie Doka Synergien nutzt, Schnittstellen reduziert und für einen zügigen Baustellenablauf sorgt: Verfahrbare Doka UniKit-Lasttürme bilden beim Bau von Hubbalkenöfen für thyssenkrupp Steel kombiniert mit dem Modulgerüst Ringlock ein tragfähiges Team. (Bild: Doka)

Welche Rolle übernimmt Doka in dieser Übergangsphase?

Unsere Aufgabe besteht darin, die Arbeit auf Baustellen einfacher, sicherer und effizienter zu machen. Digitalisierung, Robotik und innovative Produkte sollen die Menschen unterstützen – nicht ersetzen. Ich bin überzeugt, dass wir junge Menschen für die Bauwirtschaft begeistern können. Wer erlebt, wie aus einer Idee ein Bauwerk entsteht, das über Jahrzehnte Bestand hat, erkennt schnell, wie sinnstiftend diese Arbeit ist. Genau dieses Gefühl möchten wir fördern.

In Sachen Robotik haben Sie auf der Bauma 2025 unter anderem den DokaXbot Lift vorgestellt. Welche Idee steckt hinter dieser Entwicklung?

Der DokaXbot Lift ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir technologische Entwicklungen in die Praxis übertragen möchten und auf steigende Anforderungen an Ergonomie und Sicherheit reagieren. Gerade Arbeiten über Kopf – etwa beim Einbringen von Deckenschalungen – sind körperlich belastend. Der Roboter übernimmt monotone und körperlich anstrengende Tätigkeiten, ersetzt aber keine Menschen. Ziel ist es, Beschäftigte zu entlasten und produktiveres Arbeiten zu ermöglichen.

Wie stellen Sie sicher, dass Innovationen praxistauglich sind?

Indem wir sie auf Testbaustellen von unseren Kunden auf Herz und Nieren auf ihre Praxistauglichkeit prüfen lassen. Innovation darf niemals Selbstzweck sein. Neue Technologien müssen einen messbaren Mehrwert für die Anwender bieten. Deshalb entwickeln wir unsere Produkte immer gemeinsam mit unseren Kunden in der Praxis weiter. Wir hören genau zu, welche Herausforderungen auf den Baustellen bestehen, und richten unsere Entwicklungsarbeit konsequent daran aus. Das betrifft digitale Anwendungen genauso wie neue Schalungs- oder Gerüstsysteme. Am Ende entscheidet nicht die technische Raffinesse über den Erfolg einer Innovation, sondern ihr Nutzen im täglichen Einsatz und das konstruktive Feedback unserer Kunden.

Herr Immerz, vielen Dank!

Das Gespräch führte Kerstin Thiele.