
„Unplugged Maschinen stehen Diesel in nichts nach“
Das Liebherr-Werk im österreichischen Nenzing exportiert mehr als 90 % der jährlich dort rund 350 neu produzierten Baumaschinen in die ganze Welt. Im Interview spricht Gerhard Frainer, Geschäftsführer Vertrieb, über die größten Herausforderungen in Zeiten „unfreier“ Märkte, die Rolle des Unternehmens als Technologieversteher und Beherrscher für die Baustelle 4.0 zugunsten der Anwender sowie das Jahr 2026, das für das Team Nenzing ein besonderes ist.

bd: Herr Frainer, starten wir mit einem Blick auf das große Ganze. Was fordert Sie zu Beginn des Jahres 2026 am meisten heraus?
Frainer: Da wir unsere Produkte in nahezu die ganze Welt exportieren und wir sehr breit aufgestellt sind, nutzen wir bei geopolitischen Verschiebungen und Herausforderungen, wie es sie gerade gibt, die Möglichkeit, unsere Absatzstrategien anzupassen. Nicht nur in den Regionen, sondern auch in Sachen Produktvielfalt. Wir können über mehrere Hebel ausgleichen. Aber zum einen fordern uns die großen Hersteller aus Fernost heraus, Stichwort China. Zum anderen schmerzen uns die Handelshemmnisse zwischen den USA und der EU. Die Zölle, die Amerika auf den Import auch europäischer Produkte erhebt, treffen uns und unsere Kunden enorm. Es sind viele Gespräche mit unseren Kunden nötig, um das Thema Zölle gemeinsam zu lösen. Denn unser Ziel ist es, weiter in Europa und auf dem US-amerikanischen Markt zu bestehen. Dabei ist die Nachfrage entscheidend. Und US-amerikanische Hersteller sind nicht in der Lage, ihren eigenen Markt komplett zu bedienen und können nicht alle Arten von Baumaschinen herstellen. Die amerikanische Bauwirtschaft braucht Baumaschinen von europäischen Herstellern.
Bleiben wir bei der Konkurrenz aus Fernost. Schließen solche Hersteller auch im Spezialtiefbau immer weiter auf oder können sogar schon bessere und günstigere Baumaschinen liefern?
Chinesische Hersteller holen tatsächlich auf. Ihre Produkte werden besser. Sie werden verlässlicher und sie finden Akzeptanz. Gleichzeitig zeigen traditionelle europäische OEMs auch Schwäche. Und wenn die westliche Konkurrenz aus unserem Markt verschwindet, dann stößt die chinesische Konkurrenz umso leichter da hinein. Dann blickt der Kunde auch nach China und schaut sich deren Produkte an. Und die Preisgestaltung chinesischer Hersteller setzt uns stark unter Druck. Wir wünschen uns freie Märkte und wir wünschen uns faire Konkurrenz. Starke Konkurrenz belebt das Geschäft. Dazu stehen wir. Aber wenn aus wirtschaftspolitischen Überlegungen heraus, chinesische OEMs staatlich unterstützt werden, dann gelten nicht die gleichen Spielregeln für alle und dann ist auch die Politik gefragt. Denn wir als europäische Hersteller sind nicht in der Lage, in China Produkte zu verkaufen. Denn auf alles, was wir als Liebherr-seitig konstruieren und bauen, gibt es sehr hohe Importzölle. Aber umgekehrt eben noch nicht.

Aber nicht nur Sie als OEM, sondern auch Ihre Kunden kämpfen mit dieser Konkurrenz, richtig?
Ja, gerade in preissensiblen Ländern gibt es zwar durchaus Kunden, die nach wie vor bereit sind, ein Premiumprodukt zu kaufen. Aber unsere Kunden, die dortigen Bauunternehmen, verlieren Aufträge an chinesische Mitbewerber, so dass unsere Kunden aufgrund mangelnder Auftragslage kein Equipment mehr benötigen.
Wie steuern Sie dagegen an?
Zum einen mit der Qualität unserer Produkte. Es geht aber nicht nur um verlässliche Hardware, sondern auch um digitale Produkte. Mit anderen Worten: Wir zielen darauf ab, Teil der Wertschöpfungskette unserer Kunden zu sein. Vor- und nachgelagerte Prozesse der Kunden zu verstehen und dort eine Integration zu ermöglichen, so dass unsere Kunden wirklich einen Mehrwert haben, sobald sie ein Premiumprodukt kaufen.
Was genau zeichnet für Sie solche Produkte aus?
Mit Premiumprodukt meine ich Lösungen für Baustellen mit großen Herausforderungen, die ein Hersteller, der auf große Stückzahlen ausgelegt ist, eher nicht bedienen kann. Hier punkten wir mit unserer Anwendungsberatung durch unsere Spezialisten und mit weiteren Dienstleistungen, die Mehrwert für den Kunden schaffen.
Zählen Sie dazu digitale Features?
Ja, aber nicht nur: Einerseits bieten wir mit MyLiebherr den Einstieg in die digitale Liebherr-Welt an. Es ist ein Kundenportal mit verschiedenen Leistungen, digitalen Services und Anwendungen. Andererseits stellt auch unser cleveres Maschinendesign die Mobilität unserer leistungsstarken Maschinen sicher. Denn so lassen sie sich leicht auf- und abbauen und transportieren. Und am Ende ist immer unser Ziel, Technologie zu verstehen und zu beherrschen, damit wir alle verbauten Komponenten – seien es unsere eigenkonstruierten, aber auch die zugelieferten Teile – so aufeinander abzustimmen, dass wir für Nutzer das Optimum aus der Maschine herausholen. Sei es auf konventionelle Art und Weise, dieselhydraulisch oder in Zukunft vermehrt batterieelektrisch.
Stichwort batterieelektrisch. Ihr UnpluggedPortfolio wächst. Aber kann ein elektrisch betriebenes Spezialtiefbaugerät wirklich dasselbe leisten wie ein Dieselpendant? Und wie groß ist der CO2-Fußabdruck wirklich?
Sie sprechen eine der interessantesten Fragen an. Ja, unsere batteriebetriebenen Maschinen erbringen mindestens dieselbe Leistung wie konventionelle Maschinen. Teilweise konnten wir die Leistungswerte sogar steigern. Schaut man auf den gesamten Produktlebenszyklus eines Geräts, ist der Energieverbrauch beim Einsatz der Maschine auf der Baustelle am höchsten. Für die Herstellung und die Verschrottung wird vergleichsweise wenig Energie benötigt und damit ist der CO2-Fußabdruck in diesem Stadium gering. Aber wir sind und bleiben technologieoffen und bieten in unserer Liebherr-Welt weiterhin auch energieeffiziente Produkte mit unseren eigenen Dieselmotoren an, die auch alle HVO-ready sind. Uns geht es darum, nachhaltige Produkte zu bauen.
Welche Rolle spielen moderne Assistenzsysteme im Spezialtiefbau?
Wir sprechen von produktnahen Assistenzsystemen, die allesamt das Ziel haben, den Baustellenprozess zu verbessern bzw. die Tätigkeit des Geräteführers zu unterstützen. Besonders hilfreich für Spezialtiefbauer ist unsere Plattform MyJobsite. Anwender können darüber beispielsweise ein Positionierungs- und Datenaufzeichnungssystem für das Kellybohren nutzen. Es liefert genaue Reports über die Bohrtiefe, die Qualität des Bohrpfahls und den Bohrfortschritt. So individuell, wie unser Kunde es braucht. Und schlussendlich geht es darum, alle diese Daten miteinander zu verknüpfen.
Welches sind die vielleicht zukunftsträchtigsten Techniken im Spezialtiefbau?
Die Verfahren sind vielfältig. Eine der weit verbreitetsten Anwendungen im Spezialtiefbau zum Erstellen von Pfählen oder überschnittenen Pfahlwänden ist aber sicher das Kellybohren. Ein Verfahren, das sich mehr und mehr durchsetzt, ist das Doppelkopfverfahren mit Verrohrung und Bohrschnecke, was das Ausheben des Erdreichs sehr beschleunigt und mit dem sich Pfähle innerhalb kurzer Zeit erstellen lassen. Mit unserer LRB-Baureihe und LB-Serie bieten wir die dafür benötigten leistungsstarken Maschinen an. Entscheidend ist immer, welche Technik eine Ausschreibung vorschreibt. Das gestaltet sich von Projekt zu Projekt und von Land zu Land sehr unterschiedlich. Bis sich neue Verfahren durchsetzen und akzeptiert werden, dauert es immer eine gewisse Zeit.

Welche Rolle spielen Hydroseilbagger?
Diese Maschinen sind Universalgeräte, die viele Anwendungen abdecken können, sowohl im Spezialtiefbau, aber auch im Materialumschlag. Also überall dort, wo Erdreich und Steine bewegt werden müssen, mit Anwendungen wie Nass- und Trockenbaggern oder im Marktsegment Mining. Typisch ist hier auch der sogenannte Schürfkübeleinsatz oder Zweischalengreifer.
Zum Schluss die Frage: Wie blicken Sie in Ihrem Jubiläumsjahr auf 50 Jahre Liebherr Nenzing?
Wir blicken mit Freude und Stolz darauf zurück, welche vielfältigen Technologien und Maschinenlösungen wir hier am Standort schon entwickelt haben und damit immer wieder neue Märkte erobern konnten. Aber genauso wichtig ist uns, dass wir über Jahre und Jahrzehnte so viele verlässliche Partnerschaften geschlossen haben mit Kunden und Lieferanten. Und glücklicherweise haben wir treue Mitarbeiter mit einer langen Betriebszugehörigkeit, zum Teil über Generationen hinweg. Die Menschen und unsere Firmenkultur machen einen großen Teil unseres Erfolgs aus. Aus technischer Sicht sind die Maschinen im Vergleich zu früher leistungsstärker, schneller, effizienter, zum Teil auch größer, aber auch sicherer, umweltfreundlicher und nachhaltiger geworden. Im Vergleich zum Jahr 1976 profitieren unsere Kunden von zusätzlichem Mehrwert aufgrund vielfältiger digitaler Unterstützungstools zusätzlich zu unserer Qualitätshardware. Mit diesem Paket wollen und werden wir auch in Zukunft überzeugen und erfolgreich bleiben.
Herr Frainer, vielen Dank für das Gespräch.

