Nachgefragt bei BG-Bau-Präventionsleiter Björn Kass

Was bringt KI im Arbeitsschutz?

Ein Jahr ist vergangen, seit die BG Bau gemeinsam mit der Europäischen Arbeitsbehörde (ELA) die Konferenz „Smart Work, Safe Work“ veranstaltet hat. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie KI den Arbeitsschutz verbessern kann, ohne neue Risiken zu erzeugen. Wir haben nachgefragt, was seither passiert ist.

BG Bau
Björn Kass ist seit Juli 2026 Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft. (Bild: BG Bau)

bd: Herr Kass, die BG Bau hat angekündigt, die Ergebnisse in gemeinsame Projekte und ein dauerhaftes europäisches Netzwerk für KI im Arbeitsschutz einfließen zu lassen. Welche konkreten Projekte, Vereinbarungen oder Arbeitsgruppen sind seit November 2025 daraus entstanden – und was davon ist bereits praktisch umgesetzt bzw. konkret passiert?

Kass: Seit der Konferenz „Smart Work, Safe Work“ haben wir den Einsatz von KI in der Prä­vention weiter konkretisiert. In unserem Projekt „KI-basierte Unfallprävention“ unterstützt ein KI-System bereits unsere Aufsichtspersonen bei der gezielten Auswahl von Unternehmen; durch deren kontinuierliches Feedback wird die An­wendung laufend weiterentwickelt. Gleichzei­tig arbeiten wir mit europäischen Partnerinnen und Partnern, unter anderem im Projekt „Data Build“, an der Nutzung von Daten für entspre­chende Anwendungen.

Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Daten aus unterschiedli­chen Quellen sicher, standardisiert und anony­misiert zusammengeführt und für eine voraus­schauende Prävention genutzt werden können. Weitere Anwendungen, etwa eine KI-gestützte Besichtigungsassistenz, sind bereits im Einsatz. Parallel arbeiten wir daran, den europäischen Austausch zu verstetigen und gemeinsame Stan­dards für einen verantwortungsvollen KI-Einsatz im Arbeitsschutz zu entwickeln – mit dem Grundsatz, dass KI die Prävention unterstützt, die Verantwortung und die letztendliche Ent­scheidung aber beim Menschen bleiben.

Bei der Konferenz ging es ausdrücklich darum, europäische Best Practices zusammenzubringen. Was hat die BG Bau aus Europa gelernt – und was wird davon in Deutschland in der Präventionsarbeit umgesetzt?

Der europäische Austausch hat uns vor allem gezeigt, wie wichtig gemeinsame Standards, ver­lässliche Daten und der Austausch praktischer Erfahrungen für eine moderne Prävention sind. Besonders interessant waren für uns die Erfahrungen mit digitalen Sozialausweisen in Österreich, Schweden und Finnland, die Trans­parenz schaffen und perspektivisch auch für den Arbeitsschutz neue Möglichkeiten eröffnen. Diese Erfahrungen fließen in Deutschland in die Entwicklung eigener digitaler Lösungen und in unsere KI-Projekte ein.

Gleichzeitig bringen wir unsere Erfahrungen, etwa aus der KI-basierten Unfallprävention, in europäische Projekte ein, in denen wir gemeinsam an datenbasierter und vorausschauender Prävention arbeiten. Ent­scheidend ist für uns dabei: Digitalisierung und KI sollen die Präventionsarbeit unterstützen, aber nachvollziehbar, sicher und unter menschli­cher Verantwortung eingesetzt werden.

Die Konferenz hat große Potenziale von KI für Gefährdungsbeurteilung, Gefahrenerkennung und Assistenzsysteme beschrieben. Welche konkreten Kriterien oder Kennzahlen wollen Sie künftig heranziehen, um zu überprüfen, ob KI auf Baustellen tatsächlich für mehr Sicherheit sorgt – und nicht lediglich Prozesse digitalisiert? Anders gefragt: Woran werden wir erkennen, dass KI den Arbeitsschutz tatsächlich verbessert?

Entscheidend ist für uns nicht, wie viele Prozes­se durch KI digitalisiert werden, sondern wel­chen konkreten Beitrag sie zur Vermeidung von Unfällen und Gesundheitsgefahren leistet. Vor­aussetzung für vorausschauende Prävention sind viele qualitativ hochwertige und möglichst feh­lerfreie Daten – denn nur auf einer verlässlichen Datenbasis kann KI belastbare Empfehlungen geben. Wir betrachten deshalb unter anderem, ob Gefährdungen früher erkannt, Präventions­maßnahmen gezielter eingesetzt und Unfall- und Beinaheunfallzahlen bei den relevanten Gefährdungen tatsächlich redu­ziert werden.

Eben­so wichtig sind die Rückmeldungen unserer Aufsichtspersonen und Be­schäftigten: Unterstützt die KI ihre Arbeit, liefert sie nachvollziehba­re Empfehlungen und führt sie zu besseren Entscheidungen? KI ist für uns dann erfolgreich, wenn aus guten Daten konkrete Prävention ent­steht und sich dies langfristig in mehr Sicherheit und messbar weniger Unfällen widerspiegelt.

Herr Kass, vielen Dank.

Die Fragen stellte Kerstin Thiele.