Worauf es beim sicheren Heben und Verzurren ankommt

Ob Bagger, Kranbauteile oder Anbaugeräte – schwere Maschinen und Komponenten zu bewegen, gehört in der Bauwirtschaft zum täglichen Geschäft, birgt zugleich aber auch erhebliche Sicherheitsrisiken. Im Interview erklärt Felix Maier, Key-Account-Manager beim Unternehmen RUD Ketten Rieger & Dietz, worauf es beim sicheren Heben und Verzurren von Baumaschinen ankommt.
bd: Welche typischen Fehler sehen Sie beim Heben und Anschlagen von Baumaschinen?
Maier: Die Fehlerkette beginnt oft schon bei der Konstruktion der Maschine, mit dem Ergebnis, dass diese ab Werk nicht optimal ausgestattet ist. Ein klassischer Fall ist beispielsweise eine zu knapp bemessene Anzahl von Anschlag- oder Zurrpunkten. Auch, wenn vorhandene Punkte ungeprüft oder schlicht unterdimensioniert sind, wird es gefährlich. Wir sehen aber auch das andere Extrem: überdimensionierte Eigenkonstruktionen in Form von Anschlag- oder Ausbrennösen. Diese weisen oft scharfe Kanten auf, die Zurrmittel und Kranhaken beschädigen. Aufgrund der Überdimensionierung passen die Anschlussmaße zudem häufig nicht mehr zum vorhandenen Anschlagmittel. Der Haken liegt nicht korrekt an, kann verkanten – oder sich im schlimmsten Fall unbeabsichtigt aushängen. Hinzu kommt meist eine fehlende Kennzeichnung der zulässigen Tragfähigkeit.
Wie lassen sich diese Fehler vermeiden?
Vermeiden lassen sich diese Fehler durch die konsequente Einhaltung der normativen Vorgaben. Hier muss man klar zwischen Anschlag- und Zurrpunkten unterscheiden: Bei Zurrpunkten richtet sich die Zurrkraft nach dem Fahrzeuggewicht; die Prüfkraft muss mindestens dem 1,25-Fachen der Zurrkapazität (Lashing Capacity, LC) entsprechen, während die Mindestbruchkraft das Zweifache der LC beträgt. Bei Anschlagpunkten zum Heben hingegen ist eine Prüfkraft von mindestens dem 2,5-Fachen der Tragfähigkeit (Working Load Limit, WLL) sowie eine vierfache Sicherheit gegen Bruch vorgeschrieben. Nur zertifizierte und eindeutig gekennzeichnete Bauteile, die diesen Vorgaben entsprechen, garantieren ein sicheres Heben und Bewegen von Lasten.

Vom Reißbrett bis zur Straße: Wie beeinflussen Anschlag- und Zurrlösungen die Sicherheit aller Beteiligten entlang der gesamten Prozesskette?
Für uns bei RUD gilt der Grundsatz: Sicherheit ist keine Formalität, Sicherheit ist Verantwortung. Diese Verantwortung beginnt beim Konstrukteur. Werden Anschlag- und Zurrpunkte von Anfang an richtig ausgelegt und sinnvoll positioniert, schafft das die Grundlage für sichere Abläufe über den gesamten Lebenszyklus der Maschine hinweg. Der Verlader auf dem Bauhof muss dann nicht improvisieren. Für den Lkw-Fahrer, der für die ordnungsgemäße Ladungssicherung mitverantwortlich ist, wird die Einhaltung der Vorschriften erheblich erleichtert. Und wenn eine tonnenschwere Last bei einer Notbremsung oder einem Ausweichmanöver sicher hält, schützt das auch alle übrigen Verkehrsteilnehmer auf der Straße.
Hat die Elektrifizierung Auswirkungen?
Ja, das ist ein wichtiger Punkt, den viele unterschätzen: Durch die Elektrifizierung, größere Akkupakete sowie neue Motoren- und Aggregatkonzepte verändern sich viele Maschinen deutlich. Zurr- oder Anschlagpunkte, die „früher immer gepasst haben“, sind dann plötzlich unterdimensioniert. Deshalb rufen wir dazu auf, bestehende Maschinenkonzepte regelmäßig zu überprüfen. Genau hier unterstützen wir als Servicepartner bei der Analyse und Optimierung.
Können Sie ein Praxisbeispiel nennen, bei dem eine optimierte Hebe- oder Zurrlösung zu messbaren Vorteilen geführt hat – etwa bei Sicherheit, Zeit oder Kosten?
Da wir mit vielen namhaften Herstellern zusammenarbeiten, gibt es dafür eine ganze Reihe von Beispielen. Eines davon ist ein Schweizer Unternehmen, das raupenmobile Brech- und Siebanlagen fertigt. Da diese Großmaschinen kundenindividuell gebaut werden, war die Platzierung der Anschlagpunkte früher jedes Mal ein erheblicher Konstruktionsaufwand. Durch den Einsatz allseitig belastbarer RUD-Komponenten lassen sich jetzt erstmals Standardpositionen für die Anschlagpunkte definieren. Das spart enorm viel Berechnungszeit in der Entwicklung und sorgt beim anschließenden Transport für ein schnelles, sicheres Verladen.
Wie verhält es sich bei Maschinen, die häufig den Einsatzort wechseln?
Dabei zeigt sich derselbe Effekt: Verfügen Maschinen über leicht zugängliche, gut positionierte Zurrpunkte, spart das bei jedem einzelnen Ladevorgang enorm viel Zeit und Aufwand. Und auf der Baustelle oder im Werk ist es ebenso: Muss ein Aggregat für eine Reparatur gehoben werden, bringt ein schnelles, sicheres Anschlagen sofort messbare Zeitgewinne. Darüber hinaus ist aus wirtschaftlicher Sicht noch etwas ganz anderes elementar: Werden Lasten sicher und ohne Lastabsturz gehandhabt, werden immense Folgeschäden vermieden.
Welche Entwicklungen sehen Sie bei den gesetzlichen Vorgaben und ISO-Standards?
Normen, Richtlinien und Gesetzestexte entwickeln sich konsequent in Richtung noch höherer Sicherheitsstandards weiter. Es zeichnet sich ab, dass einige bisherige Richtlinien und Empfehlungen künftig verbindlich vorgeschrieben werden.
Welchen Rat geben Sie Anwendern zum sicheren und wirtschaftlichen Heben und Verzurren von Baumaschinen?
Ganz klar: Finger weg von selbst gefertigten Ausbrennösen oder sonstigen Eigenkonstruktionen! Sparen Sie sich die Zeit und die Kosten für aufwendige Eigenberechnungen und Zertifizierungen – das lohnt sich nicht. Setzen Sie stattdessen von Anfang an auf normativ geprüfte Qualitätslösungen und nutzen Sie den Service von Spezialisten wie RUD bereits bei der Auslegung der Zurr- und Anschlagpunkte in Form eines individuell ausgearbeiteten Zurr- und Verladekonzepts.
Welche Vorteile bietet das?
Der Vorteil für die Hersteller liegt auf der Hand: Die eigenen Konstrukteure können sich voll auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren und müssen keine wertvolle Zeit für die aufwendige Auslegung, Berechnung und Zertifizierung von Befestigungspunkten zum Heben und Verzurren aufwenden. Wer Fehler in der Planungsphase konsequent vermeidet, erhöht die Betriebssicherheit und spart unter dem Strich bares Geld.
Herr Maier, vielen Dank.
Die Fragen stellte Kerstin Thiele.